The deadnotes über ihr neues Album „Courage“, Mental Health und Tourleben | homies: Interview

The deadnotes im homies: Interview über ihr neues Album „Courage“, die Wichtigkeit von Mental Health als Band und ihr verrücktes Tourleben.
the deadnotes Interview

Formalitäten zuerst: „the deadnotes“, wer seid ihr, warum dieser Name und wie kam es zur Gründung?
Darius: Wir sind Jakob, Yannic und Darius. Wir waren alle gemeinsam auf der Grundschule, Jakob und ich dann später auf derselben weiterführenden Schule. Mit 15 haben wir uns entschlossen eine Rockband zu gründen und spielen nun in dieser Besetzung beinahe die halbe Zeit unseres Lebens zusammen. Verrückt.

Wir haben den Bandnamen in 5 Minuten entschieden und dann 10 Minuten über die korrekte Schreibweise (= the deadnotes) diskutiert. Wenn ich das jetzt Revue passieren lasse, bzw. mir Namen anderer Bands in diesem Alter damals anschaue (ohne das zu sehr bewerten zu wollen), dann haben wir vielleicht gar nicht mal sooo viel falsch gemacht und leben heute noch mehr recht als schlecht damit!

Lohnt es sich heutzutage noch eine Rockband zu gründen? In Zeiten von Deutschrap und elektronischer Musik?
Yannic: Das kommt sehr darauf an, wie man das Wort “lohnen” in diesem Kontext versteht. Wenn man sich vornimmt, mal eben ohne großen Aufwand mit Musik etwas Geld zu verdienen, dann kann man es vermutlich auch gleich sein lassen. Ich denke, dabei kommt es nicht einmal so sehr auf das Genre an. Auch nicht jede(r), der/die bei YouTube einen Rap-Song hochlädt oder bei Soundcloud sein Dj-Set veröffentlicht, hat damit automatisch Erfolg.

Musik zu machen oder eine Band zu gründen, ist (hoffe ich) immer noch durch andere Beweggründe inspiriert. Wenn man sich also vornimmt eine Rockband zu gründen, um Spaß zu haben, (neue) Dinge auszuprobieren, Leute zu erreichen, dem eigenen Schaffensdrang gerecht zu werden, sich kreativ, emotional, politisch, gesellschaftskritisch oder auf irgendeine andere Weise auszudrücken – dann würde sagen: Ja, das lohnt sich!

Mit dem Song „Cling To You“ habt ihr damals angekündigt, dass ihr euer eigenes Label 22Lives Records gegründet habt. Warum habt ihr diese Entscheidung getroffen? Was sind die Vor- und Nachteile vom eigenen Label und würdet ihr diesen Schritt nochmal wagen?
Darius: Das eigene Label war eine logische Konsequenz. Wir versuchen schon seit Bandgründung so intensiv und selbstständig wie möglich an dieser Band zu arbeiten. Unsere Sozialisation war die Freiburger DIY Szene und es ging schon immer darum Dinge einfach anzupacken! Das eigene Label ermöglicht uns finanzielle und kreative Unabhängigkeit. Die Entscheidung geht letztendlich mit einem enorm hohen zusätzlichen Arbeitsaufwand einher, aber das hat uns bisher selten abgeschreckt und würden wir jederzeit genau wieder so machen. Morgen eröffnen wir in Köln für einen Tag unseren eigenen Plattenladen. Gibt es etwas Besseres?

Was würdet ihr Bands, die gerade erst zu spielen anfangen, empfehlen?
Yannic: Klingt vielleicht etwas simpel, aber: Konzerte spielen! Wenn uns eins zusammengeschweißt hat, sei es auf musikalischer oder zwischenmenschlicher Ebene, dann waren es die unendlich vielen Konzerte, die wir gespielt haben. Auch wenn am Anfang mindestens jedes zweite Konzert, objektiv betrachtet, sehr bescheiden war und wir danach in Zelten oder an Bahnhöfen übernachten mussten und für das Ganze auch noch das hart verdiente Geld unserer ersten Minijobs ausgegeben haben, lohnte es sich!

Wir haben viele tolle Menschen kennengelernt, Freundschaften geschlossen und uns auf der Bühne weiterentwickelt. Ich glaube, man kann sich so lange im Proberaum einschließen wie man will, die beste Probe ist und bleibt das Konzert!

Das Video zu eurem Song „Cardboard“ spielt rückwärts. Musstest ihr auch rückwärts singen und spielen? Und wie funktioniert das
Yannic: Tatsächlich haben wir den Song rückwärts gespielt, ja. Wir haben den Songtext rückwärts aufgeschrieben und hinter der Kamera hat jemand ein Plakat mit den kaum lesbaren Sätzen hochgehalten, damit Darius beim Singen nicht völlig den Faden verliert.

Auch das Entwickeln der “Story” und die Umsetzung davon stellte sich auch deutlich schwieriger heraus als ursprünglich erwartet. Die plötzlich auftauchende Band-performance Szene am Ende zum Beispiel mussten wir natürlich als Erstes drehen, was wiederum hieß, dass alle unsere Freunde – das “Publikum” und all unsere Instrumente innerhalb von Sekunden verschwinden mussten, um nicht durchgehend im Hintergrund zu sehen zu sein.
Auf YouTube müsste auch noch ein kleines Making-off Video zu finden sein, falls das jetzt nicht ganz verständlich war.

Euch passieren bekanntlich auf Tour immer viele Geschichten, was waren denn bisher eure verrücktesten und schönsten Momente?
Yannic: Oft sind die verrückten Momente, in denen einem irgendwas ungeplantes (meistens negatives) passiert und die schönen Momente sehr nahe beieinander. Ich erinnere mich beispielsweise, wie wir auf unserer Russland-Tour im Herbst 2015 mitten in der Nacht mit unserem völlig überladenen Renault Kangoo im Schlamm stecken geblieben sind. Warum auch immer leitete uns das Navi über einen kleinen Feldweg fernab jeglicher Zivilisation und es regnete schon die ganze Nacht in Strömen. Zunächst hatten wir noch Hoffnung es mit eigener Muskelkraft und etwas Kreativität aus dem Schlamm heraus zu schaffen, doch als auch noch der Motor überhitzt war und das Auto nicht mehr ansprang, war jeglicher Optimismus vergessen.

Wir liefen also die nächst größere Straße entlang bis tatsächlich zwei Gebäude zu sehen waren. Eine Tankstelle und ein kleines Polizeirevier… Natürlich gingen wir zuerst in die Tankstelle und natürlich zeigte die Person hinter der Ladentheke nur mit dem Finger auf die Polizeistation auf der anderen Straßenseite. Wir haben noch schnell ein Abschleppseil in den russischen Nationalfarben gekauft und dann bin ich damit rüber. Die Polizisten waren zwar etwas wortkarg aber sehr hilfsbereit. Nachdem sie mit ihrem alten Lada fast selbst stecken geblieben wären und auch noch das Abschleppseil durchgerissen ist, schafften sie es endlich, unser Auto zu befreien und verschwanden ohne ein Wort. Nach diesem absoluten Tiefpunkt konnten wir unser “Glück” kaum fassen. Die nassen Socken auf der Heizung des Autos trocknen zu können und es, zwar sehr knapp und ohne Schlaf – dafür aber rechtzeitig, zur nächsten Show zu schaffen fühlte sich wahnsinnig gut an.

Wie entsteht ein neuer „the deadnotes-Song“ – wie kann man sich euren Songwriting Prozess vorstellen und wie lange habt ihr für euer neues Album „Courage“ benötigt?
Yannic: Das mit dem Songwriting läuft tatsächlich von Song zu Song sehr unterschiedlich, wobei die grundlegenden Ideen dabei immer von Darius kommen – sei es ein einzelnes Riff oder ein kompletter Song auf der Gitarre. Zusammen arrangieren wir dann den Rest des Songs, was ein paar Tage oder ein paar Monate dauern kann. Man muss dazu sagen, dass wir mittlerweile alle in unterschiedlichen Städten leben und so sehr unregelmäßig zusammenkommen. Wie sich bzw. ob sich ein Lied dann entwickelt hängt auch stark von Stimmungen, Proberäumen, Jahreszeiten und anderen Faktoren ab.

Es war für uns, ohne das mit den unterschiedlichen Wohnorten gut reden zu wollen, sehr angenehm und produktiv uns für längere Sessions an den verschiedensten Orten zu treffen, um an den Songs zu arbeiten. Dadurch wurden wir auch gezwungen, immer wieder einen Schritt zurückzugehen, um das erarbeitete beim nächsten Mal wieder “objektiv” beurteilen zu können.

Die ersten Songs für “Courage” haben wir bereits in der Zeit der Veröffentlichung unseres ersten Albums 2016 geschrieben. In der Zwischenzeit haben wir unzählige kurze Teile einzelner Songs unzählige Male verändert oder neu geschrieben. Hätten wir nicht irgendwann Studio Termine festlegen müssen, wären wir vermutlich immer noch am Schreiben. Manchmal brauchen wir vielleicht auch etwas Druck um uns nicht komplett zu verkünsteln. Also besser schnell neue Studio Termine festlegen!

Wie steht ihr zu Streaming Plattformen wie Spotify und Co. – Fluch oder Segen und warum?
Jakob: Hier könnte man jetzt wahrscheinlich eine lange Liste an pro- und contra-Argumenten anlegen und darüber diskutieren. Uns ist natürlich klar, dass durch Plattformen wie Spotify und Co. keine wirklich großen Einnahmen garantiert werden, vor allem als Band auf unserem Level, jedoch sehen wir das Ganze eigentlich durchaus positiv.

Aus der Sicht von Konsumenten, was wir primär ja auch sind, hat man so einfachen Zugang zu Musik und – vor allem – hat man die Möglichkeit dadurch neue Musik, neue Künstler überhaupt kennenzulernen und im besten Fall Tickets für eine Show zu kaufen! Also natürlich sind diese Streaming-Plattformen keine “Haupteinnahmequelle”, jedoch – gerade für junge, neue Bands – eine gute Möglichkeit, seine Musik vorzustellen und neue “Fans” zu gewinnen.

„Makeup“, euer erster Song auf der neuen Platte „Courage“, handelt vom Selbstvertrauen. Eine gewisse Portion Selbstvertrauen benötigt man ja auch auf der Bühne. Wie war es für euch am Anfang eurer musikalischen Laufbahn auf der Bühne zu stehen und wie fühlt es sich heute an?
Jakob: Da gibt es zwei Seiten. Auf der einen die Aufregung, eine gewisse positive Nervosität und Energie, die irgendwie immer da ist und ohne die es wahrscheinlich irgendwann langweilig werden würde. Auf der anderen Seite haben sich unsere Shows, die Songs, die “Qualität” der Show an sich und natürlich auch die Besucherzahlen verändert, im positiven Sinne.

Wir sind total überwältigt, dass mehr Leute auf Shows kommen und eine Entwicklung bemerkbar ist, in der Hinsicht fühlt es sich natürlich noch schöner an, auf der Bühne zu stehen. Wenn man das Gefühl hat, Leute sind aufmerksam und interessieren sich dafür, was man als Band macht.

In „Never Perfect“ geht es um Mental Health. Warum ist dieses Thema für euch so wichtig und wie schafft man es, als Musiker mit Tour-Life, der Ungewissheit ob die neue Platte ankommt und mit dem eigenen Druck mental Gesund zu bleiben?
Darius: Wir haben seit 2014 fast jedes Jahr knapp 100 Shows gespielt, Alben aufgenommen, wir buchen unsere eigenen Touren, machen unsere eigenen Artworks, entwickeln eigene Musikvideo-Ideen und funktionieren als Band im Prinzip durchgehend auf 100%.

Nach mehrmonatigen Touren am Stück 2015, haben wir gemerkt, dass wir zunehmend an unsere psychischen Belastbarkeitsgrenzen gelangen bzw. diese schon weit überschritten hatten. Wir haben damals wenig bis gar nicht über unser persönliches Befinden untereinander und innerhalb der Band geredet und sind beinahe daran kaputtgegangen. Viele andere Freunde mussten sich komplett von ihrem musikalischen Umfeld abschotten, um wieder Kraft für sich selbst zu finden.

Es kann und sollte nicht so sein, dass das, was einem so viel Freude bereitet auch gleichzeitig so kaputt macht. Statistiken belegen, dass Musiker und Menschen, die in der Musikindustrie arbeiten, mehr als dreimal anfälliger für Depressionen sind, als Menschen in anderen Berufszweigen. Es ist uns ein großes Anliegen unsere Erfahrungen zu teilen, mehr Aufmerksamkeit zu schaffen und anderen Menschen dadurch hoffentlich Mut zuzusprechen.

Psychische Erkrankungen werden häufig immer noch stigmatisiert. Der Mut anderen zu helfen, aber vor allem auch für sich selbst da zu sein, sich Auszeiten einzugestehen und professionelle Unterstützung zu suchen sollte anerkannt und gewürdigt werden und vor allem nicht Ausnahme, sondern Regel sein. Es hilft ungemein mit Menschen über diese Erfahrungen zu sprechen!

Was ist die Geschichte hinter dem zum Song „Ghost on the Ceiling“?
Darius: „Ghost on the Ceiling“ handelt von überstürzten Entscheidungen. Von der Versuchung immer den einfachsten, schnellsten Weg und vor allem Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Völlig egal in welchem Kontext. Das ist nie eine richtige Lösung. Es ist enorm wichtig und bereichernd sich aus seinen Komfortzonen zu trauen, Bequemlichkeit über Bord zu werfen und den Mut haben Veränderungen einzuleiten.

In „Failsafe“ singt ihr: „I‘m wasting hours in front of tv screens“ – passend zum Thema: Welche Bedeutung haben Instagram, Facebook & Co. für euch privat und als Band?
Darius: Die Band betreffend spielen soziale Medien eine extrem große Rolle. Das lässt sich nicht bestreiten. Immer wieder merke ich, wie sehr und wie häufig das eigene Wohlbefinden von Instagram, Facebook und Co. und digitalem Feedback abhängt oder man zu sehr nur darauf fixiert ist.

Auch hier sind Auszeiten sehr wichtig, leider oft leichter gesagt als getan. Privat versuche ich mich so gut es geht loszulösen, habe kein Smartphone und versuche Kontakte weitestgehend via Telefon oder zumindest E-Mail zu begrenzen. Da die Grenzen zwischen Privatleben und Band leider oft verschmelzen ist allerdings auch das immer noch eine große Herausforderung und kein Smartphone zu haben relativiert sich sehr schnell, wenn man am Tag weit über 10 Stunden am Laptop an Band und Label arbeitet.

Ich freue mich daher umso mehr mit dem neuen Album endlich auf Tour zu gehen und in die reale Welt einzutauchen, echtes Feedback zu bekommen und mit echten Menschen von Gesicht zu Gesicht zu sprechen. Ich glaube, das wird richtig gut!

Wir sind the deadnotes und wir…

können PKWs beladen wie keine zweite Band.
sind jung und brauchen das Geld.
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..haben nach der Schule die Selbstfindung übersprungen und sind mit einem Köpfer ins Punk-Becken gesprungen.
spielen bald wieder eine sehr lange und schöne Tour!
wollen bedingungsloses Grundeinkommen.

Vielen Dank für das Interview!
Vielen Dank für’s Interviewen!

Titelbild Credit: © lkay Karakurt