PIPPA erzählt im Interview über das neue Album „Idiotenparadies“, die allgemeine Leistungsgesellschaft, Features, den eigenen Sound und ihren Wünschen für die schöne neue Welt | homies: Interview

Schauspielerin, Regisseurin, Malerin, Singer-Songwriterin, Synchronsprecherin, Podcasterin und Mutter, die Liste der Dinge, die PIPPA beschreiben würden, ist lange. In den letzten Jahren fokussiert sie sich jedoch ganz auf die Musik und mit „Idiotenparadies“ erscheint nun ihr zweites Album.
PIPPA Interview

Dein neues Album trägt den Namen „Idiotenparadies“. Was ist eigentlich das Paradies der Idioten für dich?
Das Idiotenparadies ist für mich ein ambivalenter Ort. Es hat Positives und auch Negatives und es gibt sehr unterschiedliche Reaktionen darauf, manche finde es witzig und manche irgendwie düster. Im positiven ist es für mich ein Ort, wenn man den Shakespeare’schen Narren hernimmt, der dem Staat bzw. der Regierung den Spiegel vorhält, einfach sehr frei ist und diese Gesellschaft in der eigenen Unfreiheit widerspiegelt.

Wir Künstler:innen sind auch in einem gesellschaftlichen Zwischenraum, wo wir mehr Freiheiten, aber es gleichzeitig auch schwererer haben. Es ist unser eigenes Segment und somit eine gewisse Art von Freiheit, würde ich sagen. Idiot klingt zwar arg, aber damit ist eben dieser Narr und auch dieses Freiheitsgefühl gemeint.
Im negativen ist es dieser gesellschaftskritische Aspekt, ein bisschen so diese Idiotie, Dinge in unserer Überflussgesellschaft zu tun, einfach unhinterfragt und automatisch. Das ständige Herumfliegen und Konsumieren, ohne darüber nachzudenken, was das für Konsequenzen hat. Aber eben auch so Dinge wie Lifestyle, gesunde Ernährung. Sachen, wo man eigentlich sagen würde, die sind eh cool, aber wenn man sie automatisch tut und gar nicht über das Warum nachdenkt, wird es zu einer Spirale, zu etwas Monotonem.

Eine Frage, die ich total gerne stelle und ich finde auch gut zu dir passt, weil du unter anderem auch Malerin bist:
Wenn du das Idiotenparadies malen müsstest, wie würde dieses Bild für dich aussehen?
Das ist eine schöne Frage. Also ich bin beim Malen so, dass ich einfach darauf los male und mir nichts vornehme. Ich kann überhaupt nicht zeichnen, also ich könnte nichts Konkretes dazu zeichnen, aber es wäre wahrscheinlich ein sehr buntes Bild und eben, weil es so zwei Pole hat, das Plus und Minus, wäre es von düster bis fröhlich.

Im Album geht es vom Paradies dann direkt zur Dystopie über. Liegen diese so nah beieinander?
Ja, weil das Idiotenparadies kann man auch als Dystopie verstehen. In unserer Gesellschaft gibt es nicht mehr viel Zeit, um die Dinge zu ändern. Es gibt diese Hinter-uns-die-Sintflut-Haltung und da wird es dystopisch. Aber das liegt irgendwie auf der Hand, da wir uns wohin bewegen, gerade jetzt in dieser Zeit, wo man sich fragt: Wie weit kann es noch gehen und wann wird es sich von ganz allein um 180 Grad drehen müssen? Bis zu nächsten Pandemie vielleicht?

Auf dem Track „Dystopia“ suchst du nach der schönen neuen Welt. Wie würde die für dich aussehen?
Das Verständnis dafür, dass man nicht unbedingt immer tun und leisten muss, um eine Berechtigung zu haben, auf dieser Welt zu sein. Ich glaube, dass zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen uns irrsinnig viele Türen öffnen würde. Das Problem ist nur, viele Menschen glauben, dass niemand mehr arbeiten würde, aber ich würde einmal grundlegend hinterfragen, ob das überhaupt sein muss. Müssen wir alle arbeiten, weil wir auf dieser Welt leben? Ich glaube, dass wenn so eine Entspannung eintreten würde, ganz neue Dinge entstehen können.

Natürlich wünsche ich mir für die schöne neue Welt auch ganz grundlegende Dinge wie Gerechtigkeit. Ich glaube, man muss echt einmal versuchen, aus diesem Leistungsrad rauszukommen, denn diese Arbeit gibt es gar nicht, die unbedingt notwendig ist, damit man überhaupt etwas Wert ist in dieser Gesellschaft. Ein Verständnis, dass neue Impulse zugelassen werden können.

Du hast zuvor von der fehlenden Zeit gesprochen. Nun wurde wegen Corona auch dein Album Release verschoben. Hast du deswegen nun auch die Zeit gefunden, deine eigene Podcastreihe zu starten?
Ja voll. Klar, das war schon cool, dass eben mehr Zeit da war, weil ich habe das am Anfang, wie ich die Idee hatte, zeitlich auch gar nicht einschätzen können, wie viel Arbeit das eigentlich in Anspruch nimmt und ich habe das schon ein bisschen unterschätzt. Aber es hat voll Spaß gemacht und das stimmt, das wäre wahrscheinlich nicht möglich gewesen, wenn das alles nach Plan verlaufen wäre. Ich finde, es hat sich super ergeben und es ist für mich jetzt so inhaltlich der letzte Baustein, der einen anderen Einblick auf das Ganze gibt.

Mit Nora Mazu hast du auch einen insgesamt zweiten Featuregast in deiner Diskografie und ich habe mich gefragt, nachdem dich der Schritt zur Musikerin nach deiner Schulzeit aufgrund von negativen Kommentaren Überwindung gekostet hat, ob es bei der Kollaborationsentscheidung genauso war?
Also es war keine Überwindung für mich Musik zu machen, ich mache eigentlich eh schon immer Musik, aber es war schon eine Überwindung, damit rauszugehen. Da hat mir eine Zeit lang einfach das Selbstbewusstsein gefehlt, aber das Verständnis hat sich bei mir mittlerweile sehr geändert, das hat wieder mit Arbeit und Leistung zu tun, man muss nicht alles können, um die Berechtigung zu haben, sich künstlerisch zu zeigen. Ich liebe es, mit anderen zusammen zu arbeiten und würde am liebsten bei jedem Track jemanden featuren. Weil gemeinsam kommt man noch weiter und ich war total interessiert daran, was Nora Mazu zu dem Thema zu sagen hat. Ich habe mich einfach gefreut, weil man sich gegenseitig befruchtet. Es war wirklich sehr schön.

Wie gehst du denn an das Songwriting heran? Wie entsteht so ein typischer PIPPA Song?
Sehr unterschiedlich habe ich jetzt wieder die Erfahrung gemacht, da ich vor einiger Zeit die Idee für ein neues Album hatte. In dieser ganzen Corona Zeit, wo eigentlich Raum war für Kreativität, war bei mir gar nichts los und jetzt habe ich wieder so eine Idee. Das kommt bei mir meistens in den Momenten, in denen ich es am wenigsten erwarte und eigentlich gar keine Zeit habe. Da drängt sich dann etwas auf und das ist meisten eine Idee, aus der sich Sachen entwickeln. Das war auch beim Podcast so, plötzlich ist mir das so eingeschossen, die Themen herauszuschälen und dann war es sehr schnell klar für mich, wie das genau werden soll.

Bei den Songs ist das auch so, wenn gerade Leute zu Besuch sind, drifte ich plötzlich ab und habe eine Idee, die schreibe ich dann auf und setzte mich danach daran und versuche diese in eine Form zu bringen. Das dauert manchmal ganz kurz und dann wieder sehr lange. Der Song „Idiotenparadies“ ist beispielsweise sehr alt, sicherlich schon 10 Jahre und hat sich ständig verändert. Der Text ist eigentlich gleichgeblieben, aber die Musik hat sich sehr verändert. Das war ein sehr langer Prozess und manchmal geht es eben auch ganz schnell.

Hattest du eine bestimmt Soundvorstellung für dieses Album, wenn es schon so dystopisch ist?
Bei dem Album war es so, dass ich inhaltlich geschaut habe, welches Lied braucht welche Soundwelt. So als rote Klammer wollte ich elektronischer werden und auch mehr herumspielen, einfach freakiger, mich mehr trauen, bunter und gar nicht so stringent gedacht.

Auf dem Song „Meine Traurigkeit“ bist du auch sehr persönlich geworden. War es für dich schwer, diesen Song dann letztendlich auch aufs Album zu packen?
Schwer nicht, aber ich habe schon lange darüber nachgedacht. Ich bin sehr froh, dass er oben ist, aber es stimmt, der ist sehr persönlich. Von nahen Freund:innen und Familie habe ich jedoch das Feedback bekommen, dass der Song lustigerweise etwas auslöst, indem sich viele wiedererkennen können. Das habe ich gar nicht gedacht, denn er ist so ganz persönlich von mir und ich hätte eher gedacht, dass es anderen zu viel sein kann. Das mag ich auch an Musik sehr gerne, wenn ich da andocken kann.

Du hast auf dem Album auch einige Buchreferenzen eingebaut und ich habe mir gedacht, ich frage dich einfach, was du gerade so ließt bzw. ob du eine Buchempfehlung für die Leser:innen hast?
Mein Lesen hat sich sehr stark verändert. Ich habe früher ein Buch nach dem anderen verschlungen, aber im Moment lese ich eher wenig und wenn, ist es vor allem Lyrik. Ich lese gerade gar keine Romane, sondern brauche jeden Tag ein Gedicht. Grundsätzlich kann ich einfach alles von Murakami empfehlen und das ist, würde ich sagen, so der Lesestoff zum Album. Das alles hat sehr zu tun mit meiner Welt auf dem Album. Ganz konkret würde ich sagen: Kafka am Strand.

Ich bin PIPPA und ich

kann im Tagada aufstehen
bin aufgeregt
.
..habe zu wenig Zeit
spiele am liebsten immer
will fliegen können.

Wer jetzt Lust bekommen hat kann PIPPA am 26. September beim Relesekonzert im Porgy & Bess live sehen.

Titelbild Credit: © Hilde van Mas