new homies: CAPITANO – Irgendwo zwischen Hip Hop und Indie Pop

Ihr Sound lässt sich irgendwo zwischen Hip Hop & Indie Pop einordnen und ihre Texte sind ehrlich & inspirierend. CAPITANO - das sind John, Dyve & Fuzz, die schon seit über 10 Jahren gemeinsam Musik machen. Mehr dazu gibt's im new homies: Interview mit John.
Capitano

CAPITANO

Mitglieder: John, Dyve, Fuzz
Wohnort: Frankfurt am Main (John)
Herkunft: Toronto, Kanada (John)
Gründungsjahr: Wir machen seit über 10 Jahren miteinander Musik. Das ist länger als die meisten Ehen. Die ersten Lebenszeichen von CAPITANO gab es so ab 2015. Wir haben viel Zeit damit verbracht, unsere eigene Stimme zu finden. Uns war dabei nie so wichtig, dass uns alle Leute toll finden. Wir wollten vor allem niemals generisch klingen. Und das braucht irre viel Zeit.
Genre: Hip Hop, Indie Pop

Ich habe gerade erst eine alte E-Mail herausgekratzt, da haben wir unsere Musik, damals noch das erste Album, als „Aggressive Bee-Gees mit gelben Zähnen und perforierter Nasenscheidewand“ genannt. Das hat für unsere Anfänge sicherlich auch gestimmt, war aber auch nur eine Inkarnation unseres damaligen seelischen Zustandes, allen voran meiner. Wir sind seitdem ehrlicher zu uns selbst und haben weniger Scham davor, uns unserer zarten und nachdenklichen Seite zu öffnen und neue Dinge gut zu finden. Seit unserer Challenge, in 2020 jeden Monat einen Song aufzunehmen und rauszubringen, haben wir sehr viel Neues ausprobiert und befinden uns jetzt irgendwo zwischen Alternative Hip Hop und Indie Pop. Wobei Entwicklung für uns das Wichtigste in unserem kreativen Prozess ist. Der Mensch hat mehr als 3 Gefühle (hoffentlich) und auch wenn das Leben kurz ist, der Horizont ist weit. Von daher kann sich das ganz schnell ändern. Warum auch nicht? Man lernt sich immer wieder selbst neu kennen und jede/r kann uns in der eigenen Wesensfindung ein Stück begleiten.

John (CAPITANO)

Dein Weg zur Musik?
Ich bin in einem musikalischen Haushalt aufgewachsen. Meine Mutter beherrscht viele Instrumente, ist aber in keinem so richtig virtuos. Das habe ich irgendwie geerbt. Ich spiele alles, was mir in die Finger fällt. Es hat mit Gitarre angefangen. Pfadfinder, Lagerfeuer und rote Backen vom ersten Weinrausch. Ich hab mich alle zehn Minuten neu verliebt und die Gitarre war ein guter Weg, andere auf sich aufmerksam zu machen. Gesang kam auch bald dazu, aber es hat noch eine ganze Weile gedauert, bis ich mich da richtig ran getraut habe. Die Stimme ist als Instrument so vielseitig und gleichzeitig intim, das hat mich total gefesselt. Auch wenn ich mich immer noch nicht für einen echten Sänger halte. Vielleicht eher ein Stimmtänzer. Ausdruckstanz, aber mit schwingender Luft. Das gefällt mir.

Wer oder was inspiriert dich am meisten?
Das wechselt häufig. Tatsächlich waren Fuzz und Dyve für mich immer eine große Inspiration, einfach weil sie so anders sind als ich, und doch die gleiche Sprache sprechen. Da habe ich viel für mich gelernt – umgekehrt auch, denke ich. Ansonsten inspirieren mich Menschen, die ihre angeblichen Schwächen zu ihren absoluten Stärken machen. Freddy Mercury. Michael Jackson. Männer, die ihre Kraft in ihrer Zärtlichkeit gefunden haben. Aber auch, ganz anders: Missy Elliot. Eine „übergewichtige“ Frau in einer sehr sexistischen Männerdomäne, die mit soviel kreativer Urgewalt Musik macht, bei der ich heute noch ausraste, bis die Knie aufgeben. Hätte sie vorher gefragt, ob sie das darf, hätte bestimmt niemand „Ja, klar“ gesagt. Hat sie aber nicht. Sie hat einfach gemacht, wofür sie gebrannt hat. Und das inspiriert mich total.

Diese 3 Songs laufen aktuell bei dir rauf und runter:
Brockhampton – Sweet
Mac Miller – Self Care
Missy Elliott – Throw It Back

Was war dein erstes Album, dass du dir selber gekauft hast?
Dangerous von Michael Jackson. Ich hatte es damals nur wegen dem Cover gekauft. Ziemlich coole Wahl. Meine erste Single war „Weil ich ein Mädchen bin“ von Lucilectric. Das hat für viele schiefe Blicke gesorgt, habe ich als Kind schon nicht verstanden.

Wie sieht der Entstehungsprozess eurer Songs aus?
Ganz oft hat Fuzz in einer schlaflosen Nacht eine Songidee und schickt sie rum. Ich schreibe ein paar Textzeilen und fahr zu ihm in sein kleines Tonstudio auf dem Dachboden. Ab da kann alles ganz schnell gehen, beziehungsweise: Manchmal vergehen Stunden wie im Flug, und danach haben wir etwas aufgenommen, womit wir beide nicht gerechnet haben. Manchmal sind Songs auch harte Arbeit, aber wir haben uns vorgenommen, noch mehr unserer Intuition zu folgen und Dinge auch mal liegen zu lassen, bis sie Sinn ergeben.

Fuzz hat immer eine Vision und findet auch immer einen Weg, sie zu erreichen. Er kümmert sich um die Produktion, die Soundfindung, die Komposition. Ich bin gut im Improvisieren, Beats und Kindermelodien spielen, die sich in den Kopf einpflanzen. Und ich schreibe die Texte. Aber beides kann ich leider nie auf Knopfdruck. Der Moment muss passen.

Mein musikalischer Traum ist…
…herauszufinden, was da noch in uns steckt. Was wir können und wohin wir uns entfalten. Ich möchte mehr Musik machen, mehr lernen, mehr ausprobieren.

Mit diesen Künstlern würde ich gerne mal zusammenarbeiten.
Ich würde vor allem gerne mit jüngeren Musikern zusammenarbeiten. Jugend ist so schön angstfrei und erkennt keine Regeln an. Das finde ich unglaublich inspirierend.

Auf welchen Festivals möchtest du unbedingt noch spielen?
Eigentlich alle. Das Publikum bestimmt ja immer, wie sich ein Festival anfühlt, und das ist immer anders. Hauptsache nicht am helllichten Tag. Da stehen die Meisten noch mit angezogener Handbremse herum. Dunkelheit hat etwas Umarmendes, da fühlt man sich plötzlich in einer Gemeinschaft, und irgendwie auch sicher. Da tauen die Leute auf, das hat was magisches.

Welche Rolle spielt Social Media in deinem Leben?
Eine sehr große, da wir doch fast alles selbst machen. Das ist auch nicht immer angenehm, weil man sich beim Wunsch nach Likes dabei ertappt, immer mehr auf das Phone zu schauen, anstatt sich selbst wahrzunehmen. Aber für mich ist es auch eine tolle Möglichkeit, mich von meinen eigenen Unsicherheiten freizumachen, und gleichzeitig andere zu inspirieren. Das darf aber nicht alles sein, man muss ja trotzdem noch in der Welt stattfinden können, ohne ständig eine Kamera draufzuhalten. Diese Balance zu halten ist nicht leicht.

Deine aktuelle Meinung zur heimischen Musikszene und welche Bands feierst du privat?
Das ist gerade schwierig zu beantworten, so ohne Konzerte und ohne Kontakt mit anderen Musikern. Die Musikszene ist mit jedem Jahr, das ich älter werde, ein bisschen mehr am Boden. Ich hoffe, dass aus den Scherben etwas Neues entstehen wird und halte die Augen offen. Eine Band, die uns ziemlich sprachlos gelassen hat, ist KOJ. Grandiose Band. Ihr Song „Pamela“ zieht mir jedes Mal wieder die Schuhe aus. Aber zumindest im Internet noch ein unbeschriebenes Blatt. Solltet ihr auschecken!

Welches Lied wäre dein Einzugslied zu einem Boxkampf?
Ich boxe ja selbst als Ausgleich, von daher sollte ich hierfür eine Antwort parat haben. Habe ich aber gar nicht. Ich würde wahrscheinlich etwas nehmen, das mich gleichzeitig aufkratzt und mir die Angst nimmt. Ich sage mal: James Brown – The Payback

I’m A Flower

Ein Song als Befreiungsschlag gegen Sexismus, gegen Gefühlsunterdrückung und die Doktrin vom starken, maskulinen Mann. Jeder Mensch ist eine Blume. Wir sollten uns nicht gegenseitig die Blüten auszupfen, um irgendeiner Rolle zu entsprechen. Wir feiern unsere Sensibilität durch Tanzen und Ausrasten in einem Blumenladen. Wo sonst.

Workout

Ein sehr nachdenklicher Song über Tiefpunkte, über das Weitermachen, und über die komische Magie von Hoffnung, und wie sie uns weiterträgt als wir es uns selbst je zutrauen würden. Hoffnung ist ein ständiges Workout. And at the end, it always somehow works out!

I Wear A Mask

Als wir diesen Song schrieben, ging es uns um die gesellschaftlichen Masken, die wir uns aufsetzen. Wir wir uns von unserem Nebenmann und unserer Nebenfrau distanzieren, durch Rollenbilder und Klischees. Jetzt, wo wir uns mit echten Masken von einander distanzieren, hat der Song eine ganz neue Bedeutung gewonnen und ist zwischenzeitlich auf über 3000 Spotify-Playlists zum Thema Quarantäne gelandet. Hoffentlich, um ein bisschen Trost zu spenden und Hintern zum Wackeln zu bringen – natürlich mit Sicherheitsabstand.

Titelbild Credit: © Stephan Nau