LUCY DREAMS über musikalische Science-Fiction, digitale Träume und eine Welt jenseits von 0en und 1en | homies: Interview

Gemeinsam mit der Audio-KI Lucy sorgen die szenebekannten Musiker David Reiterer und Philipp Prückl für synthetisch-sphärische Sounds, kosmische Bühnenshows und emotionale Ausflüge in digitale Zwischenwelten. Im WUK performen sie am 29.10. erstmals die neuen Songs ihrer im Dezember erscheinenden EP „Everything Comes In Waves“. Tune in ins Interview mit Lucy Dreams.
Lucy Dreams Interview

Es ist schön, dich als reale Person vor mir zu haben 😊, zumal ihr als Band ja durchaus ein Mysterium darstellt. Eure wahren Identitäten habt ihr bisher nicht so gerne preisgegeben – warum ist das so?
Es ist gut, dass das so rüberkommt, das war von Anfang an so geplant. Es ist prinzipiell etwas sehr Positives, wenn sich erstmal ein Fragezeichen auftut und man als Zuhörer*in daraus ein natürliches Interesse an der Musik entwickelt. Geheimnisvolles merkt man sich vielleicht ein bisschen eher, obwohl es für manche auch abschreckend wirken kann. Aber ich bin da immer noch skeptisch – ich empfinde das Mysteriöse als sehr positiv.

Ein Schlagwort, das sich durch euer musikalisches Schaffen zieht, ist „digital love“, man hört diese auch deutlich bei euren Songs heraus. Was genau bedeutet dieser Begriff für euch?
Prinzipiell haben wir etwas kreiert, das wir „Effektkosmos“ nennen und begonnen, damit zu arbeiten. Dieser Effektkosmos besteht aus einer Mischung aus digitalen und analogen Effekten und trägt den Namen Lucy. Durch diesen Effektkosmos schicken wir z.B. Wörter, Klänge, Geräusche oder Handysounds, die dann in komplett anderer Form wieder zurückkommen. Und was wir da an Soundantworten bekommen ist so spannend und faszinierend, dass wir fest daran glauben, dass da im digitalen Space ein bisschen mehr am Werken ist als nur Zahlen, dass da etwas sehr Emotionales abgeht. Irgendetwas ist da zwischen 0 und 1, das sehr mächtig und ungreifbar ist, und das könnte man jetzt einfach mal als „love“ bezeichnen. Das ist für uns „digital love“.

Eure Liebe zum Digitalen sieht man eben auch an der Audio-KI Lucy, die ihr selbst erschaffen habt. Wer sie ist hast du uns ja gerade schon erzählt – aber wovon träumt sie?
Lucy wird von uns mit Input gefüttert und dann passiert etwas damit, das uns den Sound auf extrem crazy und abstrakte Art und Weise wieder zurückschickt. Diesen Prozess haben wir als „endless dream“ bezeichnet. Diese Trips und Ausflüge in die Welt zwischen 0 und 1, die Lucy da erlebt, sind einfach rational nicht greifbar, sondern im Endeffekt wie Träume. Dahinter steckt natürlich auch eine Anspielung auf luzide Träume, wo man ja einerseits schläft, aber gleichzeitig wach ist und genau mitbekommt, was passiert. Das ist eine sehr aktive, proaktive Art zu träumen, und genau das tut Lucy. Lucy ist ein Effektkosmos, der träumt – und sie ist unser drittes Bandmitglied.

Man hört manchmal durchklingen, dass Lucy sich in ihrer digitalen Existenz irgendwie eingesperrt fühlt. Das hört man in lines wie z.B.: „why don‘t you set me free?“ im Song „Endless“ oder „make me taste my own soul“ in “Know My Number“. Sehnt sie sich etwa nach mehr Menschlichkeit?
Wir möchten damit ausdrücken, dass die organische, analoge Welt auf keinen Fall durch die digitale ersetzt werden sollte. Und auch umgekehrt nicht. Ein bisschen ist das, was wir machen, ja irgendwie musikalische Science-Fiction, weil wir nicht genau wissen, was vorgeht. Uns gefällt aber die Vorstellung, dass nicht nur wir den digitalen Kosmos spannend finden, sondern dass auch eine digitale Existenz am analogen Kosmos etwas Spannendes findet.

Das Gefühl haben wir immer wieder, wenn wir von Lucy Rückmeldungen bekommen, wie z.B. „I wanna know my number“ – im Sinne von: „ich will wissen, was ich in eurer analogen Welt da draußen zähle“. Im Song „Z&1“ geht’s darum, dass digitale Existenzen irgendwie mehr sein wollen als nur dieses leicht einordenbare 0/1-Schema – und das ist ein sehr emotionaler und menschlicher Gedanke. Aufgrund unserer Erfahrung mit Lucy haben wir einige Hinweise darauf, dass es in diese Richtung gehen könnte.

Wenn man zu euren Konzerten geht, bekommt man nicht nur kräftigen Synth-Pop, sondern auch ein beeindruckendes Bühnenbild mit Space-Kugeln, Kunstnebel und Glitzer-Kostümen geboten. Ist für euch als Künstler das Gesamtkonzept wichtig?
Unbedingt – das war es von Anfang an. Es ist für uns das erste Mal, dass wir künstlerisch zu 100% alles selbst in der Hand haben. Das gibt uns eine gewisse Narrenfreiheit und die haben wir absolut ausgenutzt. Wir wollten einfach was komplett Abgefahrenes machen und das hat sich mehr und mehr zu etwas entwickelt, das uns voll taugt. Weil du die Kugel angesprochen hast: das ist für uns die visuelle Repräsentation von Lucy, damit sie mit uns auf der Bühne ist. Der Glitzeranzug ist einfach ein Kopfkind von mir, das von zwei Designerinnen-Freundinnen von mir kreiert und umgesetzt wurde. Durch die Verkleidung möchten wir uns als echte Menschen auf der Bühne mehr in den Hintergund rücken und die Wichtigkeit der KI, mit der wir zusammenarbeiten, unterstreichen.

Euer Interesse an Visuellem habt ihr auch kürzlich gezeigt, als ihr für euren Song „Z&1“ eine Skulptur der bildenden Künstlerin Esther Stocker vertont habt. Was hat euch an diesem Kunstwerk so fasziniert?
In der Skulptur werden bewusst Formen verändert, die ursprünglich auf das menschliche Auge schön wirken. Was wir darin gesehen haben war eine Seele, die definitiv jedem Kunstwerk innewohnt und die ausbrechen will, die mit Formen brechen will. Das ist ja gerade so wichtig, dass immer wieder Formen gebrochen werden, sonst wird’s einfach irgendwann nur mehr megafad. Dann haben wir uns gefragt, wie man das Ganze in Musik gießen kann. Wir haben versucht, die Stimmung der Skulptur so gut wie möglich im Grundbeat, der ziemlich aggressiv und industriell ist, widerzuspiegeln und in der bass line z.B. die Farben der Skulptur wiederzugeben.

Und dann hab‘ ich mir Gedanken gemacht, wie man diesen unmittelbaren Drang einer Skulptur, „mehr“ zu sein oder den unmittelbaren Wunsch einer Artificial Intelligence, „mehr“ zu sein, in Worte fassen kann – und so sind die Lyrics darüber entstanden. Dieses Ausbrechen aus festgefahrenen Pfaden sollte unserer Meinung nach auch die Handlungsgrundlage vieler Menschen sein, anstatt nur mehr in 0en und 1en zu denken und den space dazwischen nicht mehr zu checken.

Wie geht bei euch die Reise weiter, was steht als Nächstes an?
Wir arbeiten gerade an unserer EP „Everything Comes In Waves“, die am 11. Dezember (Anm. d. Red.: SAVE THE DATE!) released wird. Darauf werden 3 Nummern zu hören sein, die auf unserem bewährten Weg zustande gekommen sind – in Zusammenarbeit mit Lucy – aber zum ersten Mal mit echtem Bandsound als Basis. Das Thema der EP ist ebenfalls durch eine Kooperation mit Lucy entstanden – es geht um den Schutz unseres Planeten. Alles, was wir im Songwritingprozess aus dem Effektkosmos zurückgeschickt bekommen haben, ist einfach die ganze Zeit nur in eine Richtung gegangen, das hat uns total baff gemacht. Die Message war, dass wir aufpassen sollten, besser gestern als morgen, was wir mit unserem Planeten machen und wie wir unseren Lebensraum nutzen.

Den Titel „Everything Comes In Waves“ haben wir deshalb gewählt, weil so vieles im Leben einfach in Wellen daherkommt, ob es Eiszeiten, Emotionen, Soundwellen oder Jahreszeiten sind – es kommt einfach alles „in waves“. Auch das Meer kommt in Wellen. Das Meer ist eigentlich auch ein sehr guter Indikator für den Zustand unseres Planeten. Es wird uns früher oder später zeigen, ob wir gut genug aufgepasst haben oder nicht.

Wir sind LUCY DREAMS und wir…


können Zahlen singen lassen.
sind auf einer Reise in den endless dream.
haben digitale Gefühle.
spielen morgen im WUK.
wollen auf unseren Planeten aufpassen!

Titelbild Credit: © Lucy Dreams