Amy Wald über ihr Liebesleben, Familie, F.A.L.S., Sticker in Japan und Billie Eilish | homies: Interview

Amy Wald entschied sich 2018 den Beruf an den Nagel zu hängen und einzig von Musik leben zu wollen. Mit diesem Ziel vor Augen veröffentlicht sie ihre Single „Liebesleben“, mit der Amy gleichzeitig ihr Outing vollzieht, und begibt sich sogleich auf ein neues Abenteuer: Eine Straßenmusiktour durch Österreich und Deutschland. Ohne fixes Routing, ohne Schlafplätze und ohne Sicherheiten. Der Plan geht auf! Eine weitere Pop-Single und ihre brandneue Debüt-EP später, findet sie sich im homies: Interview über ihre Musik, ihr Liebesleben, Sticker in Japan und über Billie Eilish wieder.
Amy Wald Interview

Erzähl uns was von dir. Wer bist du, woher kommst du und was zeichnet dich aus?

Wie ich mich vorstellen würde? Ich bin Amy Wald, DIY Deutsch-Pop Künstlerin aus Salzburg. „Do-it-yourself“ ist definitiv mein Motto seitdem ich Musik mache, eigentlich schon viel länger, wenn ich genauer darüber nachdenke. Baumhäuser bauen, eigene Fußballbande gründen, selber Fußballspielen beigebracht und damit in die Salzburger Landesauswahl gekommen, Auslandssemester in England selbst organisieren, dort mit Büchern Gitarre spielen gelernt, probiert die ersten Songs zu schreiben, Band gegründet, durch den deutschsprachigen Raum als Straßenmusikerin gereist und eigenes Platten- und Modelabel gegründet.

Ich hatte immer schon Träume und hab einfach alles versucht, um diese umzusetzen. Ich denke, ich hab als Kind viel von meiner ehrgeizigen Mama gelernt und mir abgeschaut. Da ich viele Geschwister habe und wir zu Hause mit Geld sorgfältig umgehen mussten, hab ich früh angefangen, mir Dinge einfach selber zu basteln, bauen und lernen – anders war es einfach nicht möglich.

Diese Einstellung hab ich zum Glück beibehalten und erst vor kurzem realisiert, dass das eine wertvolle Stärke ist. Ich habe während den ersten Schuljahren schon gemerkt, dass man seine Ziele erreichen kann, wenn man sich dafür anstrengt und bemüht. Ich hab mir in der Schule den Lernstoff nie schnell gemerkt, musste daher immer viel lernen. Aber ich war zielstrebig und bin dadurch trotzdem immer ans Ziel gekommen. Damals waren das halt noch Schularbeiten und Test, heute sind es Tourneen, Song Releases, Labelgründung und Musikvideos. Aber eigentlich hat sich nichts geändert, ich bin immer noch die verträumte Amy, die Nachts im Bett liegt, sich neue Ziele ausmalt und am nächsten Tag versucht diese umzusetzen.

Was hat dein Auslandssemester in England und der Dachboden deiner Gastfamilie, mit dem Beginn deiner musikalischen Laufbahn zu tun?

In England habe ich meine Liebe zum Songwriting entdeckt. Ich wurde in der High School in eine niedrigere Schulstufe eingeschult, weil die Schule sicher gehen wollte, dass mich die Sprachbarriere nicht überfordert. Aber ich hatte kein Problem damit und kannte den meisten Stoff bereits aus meiner Schule in Salzburg. Daher musste ich nicht viel lernen, konnte mich auf soziale Kontakte und eben auf Hobbies konzentrieren.

Auf dem Dachboden meiner Gastfamilie habe ich eine alte Kindergitarre gefunden und das habe ich genützt und angefangen in jeder freien Minute Gitarre zu spielen. Mir war aber von Anfang an klar, dass ich keine großartige Gitarristin werden, sondern einfach Songs schreiben möchte. Also hab ich mir vier Akkorde gelernt und damit so lange Songs geschrieben, bis mir die Akkorde zu langweilig wurden. Seitdem habe ich nicht mehr aufgehört Songs zu schreiben.

Auf deiner Facebook Page fanden wir von 2016 folgenden Beitrag „AMY WALD IN JAPAN!“ – warst du schon mal im Land der aufgehenden Sonne?

Gute Recherche! In Japan war ich selber leider noch nicht! Jedoch haben 2016 Freunde und Bekannte angefangen meine Sticker mit auf Reisen zu nehmen und teilweise an wirklich verrückten Orten der geklebt.

Davon haben sie mir Fotos geschickt und ich fand das eine tolle Geste von meinen Freunden und Zuschauern. Das lustige an der Story, auch Jahre später kleben manche der Sticker in den unterschiedlichsten Ländern noch und es ist inzwischen schon ein paarmal passiert, dass ich von anderen Personen Fotos aus dem Urlaub bekomme mit „schau mal, da klebt ein Sticker von dir!!!“. In Ungarn ist das schon zweimal passiert haha. Aber Japan steht auf meiner Bucketlist! Dort würde ich auch unglaublich gerne auch Konzerte spielen! Bekomme ich schon irgendwie hin haha.

Was sind für dich Highlights und Rückschläge deiner musikalischen Laufbahn? Würdest du alles nochmal gleich machen oder gibt’s auch etwas, was du ändern würdest?

Also eines weiß ich ganz genau – ich würde alles nochmal genau gleich machen. Schlussendlich hat es mich dort hingebracht, wo ich jetzt bin und ich mag es hier! Ich hab ehrlich gesagt ständig mit kleineren Rückschlägen zu kämpfen, derzeit ist es meistens der Fall, dass ich am Ende vom Monat nicht weiß, wie ich die nächste Miete bezahlen soll und das kann ziemlich an die Reserve gehen.

Der größte Rückschlag war definitiv der Verlust von meinem Gitarristen Martin im Sommer 2017. Der Schicksalsschlag von seinem Motorradunfall hat uns alle unerwartet und hart getroffen. Auch heute ist jeder 13. im Monat noch ein besonderer Tag. Klar, ich habe inzwischen schon viel darüber geredet und auch zu einem gewissen Grad damit abschließen können, aber ich denke solche Wunden können nie ganz heilen und das darf ruhig so sein. Mein Ziel war nur, dass ich lerne, mit einem Lächeln auf die gemeinsamen Zeiten zurückzublicken und das fällt mir heute schon viel leichter. Außerdem hab ich den Verlust in eine meiner größten Motivationen umgewandelt und ich habe das Gefühl, dass ich seitdem versuche noch gezielter und härter zu arbeiten. Schließlich hab ich jetzt nicht nur meine, sondern auch Martins Träume zu realisieren.

Andererseits gibt es auch wirklich tolle Highlights und vor allem in den letzten paar Wochen und dem letzten Jahr, durfte ich schöne Highlights feiern. Ich denke aber das einer meiner top Highlights definitiv die erste Straßenmusiktour 2018 bleiben wird. Ich weiß noch ganz genau wie ich mich gefühlt habe, als ich wusste „jetzt geht’s los“ und ich bin ohne Route, ohne Schlafplätze, ohne zeitliche Begrenzung und mit kaum Straßenmusikerfahrung einfach losgezogen und erst knapp 3 Monate später wieder zurückgekehrt, weil ich das Studio vermisst habe. Damals wusste ich auch nicht, wie sehr sich diese Entscheidung auf meine weitere Karriere auswirken würde und ich bin jetzt noch dankbar, dass ich diesen Schritt gemacht habe.

Im Sommer 2019 bei der zweiten Auflage der Tour gab es unglaublich magische Momente! Zum Beispiel hab ich in München nach der Regenbogenparade gespielt und auf dem Weg zum Treffpunkt meinte ich noch zu meiner Freundin Valentina „ich hab das Gefühl es werden maximal 10 Leute dort sein“ und ich hab mich schon komplett darauf eingestellt. Dann kommen wir am Treffpunkt an und es stehen 150 Leute dort. Da hatte ich wirklich am ganzen Körper Gänsehaut! Als ich dann zu spielen begann, fing es auch noch an zu regnen und wir hatten weit und breit den einzigen Platz der überdacht und vom Regen geschützt war. Daraufhin hab ich zu den Leuten gesagt wir müssen jetzt alle gemeinsam ganz laut den Regen wegsingen und kurz vor dem Ende des Songs brach die Sonne durch die schwarzen Regenwolken und lies alles in einem derart orangenen Schein aufleuchten. Allein, wenn ich jetzt daran denke, bekomme ich wieder Gänsehaut. Das sind für mich die Momente, die es ausmache. 150 Leute hatten in dem Moment ein so großes Gemeinschaftsgefühl und wir haben danach alle einfach nur gelacht haha. 
Natürlich freue ich mich enorm über Möglichkeiten wie Conchita Wurst auf Tour zu supporten, eine eigene Tour anzukündigen, ein Konzert auszuverkaufen, den eigenen Song zum ersten Mal im Radio zu hören, aber das ist für mich dann viel mehr eine Motivation gleich das nächste Ziel in Angriff zu nehmen. Momente, wie der in München, bleiben hängen und daran denke ich, wenn es mal nicht so gut läuft.

Wie steht deine Familie du dir und deiner Musik? Ist Musik ein wichtiger Bestandteil in deiner Familie?

Das Wunderschöne an meiner Familie und meinen Eltern ist, dass sie mir nie Steine in den Weg gelegt haben. Sie akzeptieren mich, meine Entscheidung und meinen Traum Musik zu machen, meine Sexualität und meine Partnerin. Natürlich fiel es ihnen alles andere als leicht zu akzeptieren, dass ihre Tochter nur von Kunst leben möchte und sie haben sich große Sorgen gemacht vor der Straßenmusiktour und nach meiner Jobkündigung, aber sie haben mich nie aufgehalten.

Es war nur von Anfang an klar, dass sie mich tun lassen, aber mir nicht helfen und das finde ich auch ganz gut so! Meine Mama meinte immer wieder „Wenn du das machen willst dann passt das, aber das musst du schon alleine schaffen“. Anfangs dachte ich das wär unfair, dass ich keine Unterstützung bekomme, aber schnell habe ich realisiert, dass das genau das ist, was ich brauche. Ich konnte nie auf meiner faulen Haut sitzen und musste für meine Anerkennung hart kämpfen. Erst heute habe ich das Gefühl, dass sie langsam merken, dass meine Arbeit Früchte trägt.

Wie war es, den Schritt zu wagen, dich zu outen? Wann hast du den Entschluss getroffen und wie hast du den Tag des Outings in Erinnerung?

Ich hatte quasi zwei Outings, einmal ein privates Outing bei Familie, Freunden und in der Schule und ein Öffentliches, wobei zweites unbewusst passiert ist. Das private Outing war aber definitiv eine schwere Zeit. Wenn man herausfindet, dass man anders fühlt als die meisten Freunde und Schulkollegen, fühlt man sich erst einmal ziemlich fehl am Platz.

Ich hab dann angefangen mich viel im Internet zu informieren und mir da die Bestätigung geholt, dass mit mir absolut nichts falsch ist. Als ich für mich mein Selbstvertrauen bezüglich Sexualität gestärkt habe, war ich so weit es meinen engsten Freunden zu erzählen. Da war mir klar, wer das nicht unterstützt hat keinen Platz in meinem Leben. Und mit der Einstellung gehe ich auch heute noch an das Thema Sexualität ran. Schnell war meine Sexualität kein Thema mehr für mich, es war „normal“.

Als ich dann meinen Song „Liebesleben“ geschrieben und auf Instagram gepostet habe, war mir Anfangs wirklich nicht bewusst, dass ich da zum ersten Mal öffentlich meine Sexualität anspreche. Ich fand es einfach lustig einen Song über ein Gespräch mit meiner Oma zu schreiben. Dann ging es ziemlich schnell und heute kann und will ich die LGBTQ+ Community aus meiner Musik nicht mehr wegdenken. Vor allem freut es mich zu sehen, dass sich einige Menschen mit dem Song bei Familie und Freunde geoutet haben, da wird mir jedes Mal ums Herz warm.

„F.A.L.S.“ – aka „Fick auf Love Songs“ (wir dürfen hier vulgäre Begriffen nennen) handelt von deinem persönlich Zwiespalt – Wie war für dich diese Situation von „Ich will keinen Liebessong schreiben, aber trotzdem liebe ich gerade“?

Es waren unangenehmen Momente. Wenn man sich so fest in den Kopf setzt, etwas nicht machen zu wollen, aus welchen Gründen auch immer, aber sich dann im Endeffekt nur das natürlich anfühlt frustriert das!

Ich hatte so viele spannende Themen, über die ich schreiben wollte und hab mich dadurch vermutlich viel zu sehr in meinem kreativen Denken eingeengt.

F.A.L.S. war dafür überhaupt nicht gezwungen. Jedoch dachte ich mir, wenn ich keinen Bock auf einen Lovesong habe, dann will ich den Song und mich in dem Song verarschen. Jetzt ist es ein Anti-Liebes-Liebessong. Über die anderen Themen werde ich auch noch schreiben, aber zu denen brauche ich vermutlich derzeit einfach bisschen Abstand.

Du stehst in der Öffentlichkeit ja zu deiner Beziehung mit Valentina. Warum ist es dir so schwer gefallen, deiner Oma darüber zu erzählen?

Weil meine Oma sehr konservativ ist. Die wohnt in einem winzig kleinem Dorf, ist über 90 und tat sich schon schwer mit meiner Entscheidung Musik zu machen.

Es hat sich nie richtig angefühlt mich bei ihr zu outen und wenn es sich nicht richtig anfühlt, soll man sich auch nicht den Druck machen es zu tun. Und genau darüber hab ich in Liebesleben geschrieben. An dem Tag, an dem der Song rauskam hab ich eine Nachricht von meinem Dad erhalten, dass er Oma den Song gezeigt hat. Sie hat aber anscheinend nicht darauf reagiert und danach wurde es auch nie wieder angesprochen, bis zu dem Zeitpunkt wo ich wusste, ich will meiner Oma Valentina vorstellen.

Da haben mich meine Eltern noch darin bestärkt, dass ich das machen soll, wenn ich will, aber ich glaube, meine Oma weiß bis heute nicht ganz genau wer Vale ist. Sie meinte zu meiner Schwester dann schon „sie ist doch nicht lesbisch, oder? Das geht doch nicht.“, aber ich bin mir sicher, dass sie das inzwischen schon wieder vergessen hat. Dafür kennt Vale jetzt die Liebesleben Oma und das ist mir viel mehr wert.

Dich sieht man immer mit Schlössern, Karabiner oder Ketten um den Hals? Warum?

Weil ich es liebe! Ich liebe Ketten und Ringe, da ich aber kaum Geld für Ketten habe, kauf ich mir im Baumarkt einfach Ketten, such mir Verschlüsse zusammen und tada. Man spart sich so viel Geld und es sieht auch noch bad ass aus, auch wenn sie manchmal ziemlich schwer sein können haha.

Wir würden dich gerne mit Billie Eilish vergleichen – jedoch nicht auf die „düstere“, sondern auf eine kunterbunte Art & Weise. Mit dir verbindet man Rebellion, Hinterfragen, Zwiespälte aber auch Regenbogen, Lebensfreude und Liebe. Wie stehst du zu dem Vergleich?

Wow danke, das nehme ich gerne als Kompliment! Billie Eilish ist eine Vorreiterin der heutigen Musikbranche und das in so jungen Jahren und auf ihre ganz eigene Art und Weise, das feier ich total! Aber bei mir ist alles bunter und fröhlicher, aber rebellisch bin ich mit Überzeugung und ich hinterfrage prinzipiell alles haha. Ihr seid tatsächlich nicht die ersten, die den Vergleich bringen. Für mich ist das immer noch überraschend, aber ein großes Kompliment. Vielleicht liegt es aber auch einfach an den ganzen Ketten 😉 nur sind ihre echt und teuer, meine vom Baumarkt. Da ist sie wieder, die DIY Amy haha.

Ich bin Amy Wald und ich…

kann einen Gockelhahn ziemlich gut imitieren.

…bin der größte Wilde Kerle Fan ever und kann die ersten drei Teile auswendig.
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..habe eine Hausstaubmilben Allergie.

…spiele am liebsten mit meinen kleinen Nichten und Neffen.

…will ein Date mit Harry Styles.

Titelbild Credit: ©Elias Hartmann